| Auf den Strassen geht nichts mehr.
Bergdörfer sind von der Außenwelt abgeschnitten. Bäume;
die ihre Schneelast nicht mehr tragen können, neigen sich in die Horizontale
und bilden unüberwindliche Barrieren - reißen Stromleitungen
nieder. Telefone und Heizungen fallen in vielen Dörfern aus – die
Menschen frieren in ihren Häusern.
---------- Ich berichte nicht von Sibirien oder Alaska, sondern aus dem Land der ewigen Sonne – Griechenland. Nur wenige Olivenbäume, Palmen und Eukalyptus haben die Katastrophe in unserer Region überlebt. Ein Jahrhundertwinter? Klimaveränderung? Auf jeden Fall eine sehr harte Prüfung für mich. Bei Sonnenschein und 23°C ziehe ich mit Sack und Pack, 80 Nachzuchten von 2001 und 21 adulten Schildkröten - die noch ein weiteres Jahr meiner Hilfe bedürftig sind, ins zukünftige Schutzgelände für Wildtiere. Es ist Mitte November - die Olivenernte ist auf dem Höhepunkt. Provisorisch wird ein kleines Gehege für die Nachzuchten errichtet und ein Teil des Gartens für die „Invaliden“ eingezäunt. Um für denn Winter gewappnet zu sein, baue ich mir aus feuerfesten Steinen einen Grundofen, der mir auch warmes Wasser fürs Bad liefert. Das Holz für den Ofen ist unter einer kräftigen Plastikplane vor Regen geschützt und auf dem Dach turnen zwei Techniker, die eine kleine Solaranlage montieren, die mich mit Strom für Beleuchtung und Radio versorgen soll. Die Hälfte der Kosten für die Solaranlage wurde vom „Schildkrötenfreunde Horst e.V.“ finanziert – DANKE! ---------- Anfang Dezember beginne ich mit dem Bau eines Geheges für die künftigen Nachzuchten – etwa 70 qm groß, in mehrere Abteilungen unterteilt. Das Gehege ist gegen Raubzeug komplett von Maschendraht umgeben. Der erste Schnee fällt – viel zu früh – eine kleine Laune der Natur? Die Nachzuchten werden in großen, mit Erde und Laub gefüllten Eimern im Boden vergraben. Die „Invaliden“ suchen Schutz in einem großen Haufen, aufgeschichtet aus Zweigen, Erde und Laub. Mitte Dezember liegt bereits über ein Meter Schnee – und es schneit weiter! Nun schafft es auch mein 20 Jahre alter Toyota 4 WD nicht mehr auf den Berg. Bis zur nächsten befahrbaren Straße sind es zwei – bis zur nächsten Einkaufsmöglichkeit sind es fünf Kilometer. Ich muss meinen Wagen auf halber Strecke im Tiefschnee stehen lassen - bastele mir aus einem großen aufgeschnittenen Benzinkanister einen Schlitten, und ziehe so, mit einem Gurt über der Schulter, meine Lebensmittel zum Haus. Die Schneemassen haben in der Zwischenzeit die Plane über dem Holz zerrissen – ein Meter Schnee auf der Solaranlage zeigt mir, dass man auch mit Kerzenlicht auskommen kann – jedoch geht die Romantik schnell verloren, wenn man mit nassen Holz heizen muss und das Haus den Isolierwert eines Steilwandzeltes hat. Zwei Wochen dauert das Chaos an, dann geht die Sonne auf. Hartnäckig bleibt der Schnee auf den Solarpaneelen liegen. Nach zwei Tagen sind etwa 20 % der Paneele frei – die Anlage liefert endlich wieder etwas Strom. Nach weiteren zwei Tagen ist fast die gesamte weiße Pracht geschmolzen. Die Tagestemperaturen liegen bei – 3°C, nachts fällt das Thermometer auf –5°. Die Sonne hat bereits soviel Kraft, dass ich mein Frühstück auf der Terrasse einnehme, und die ersten Marginatas zwischen kleinen Schneefeldern ein Sonnenbad nehmen. Am 5. Januar erfolgt eine plötzliche, für Reptilien dramatische Wetterveränderung. Die Region welche ich beschreibe, liegt bei NW Wind im Lee (Windschattenseite) des fast 3.000 m hohen Olymp. Keiner hat's gemessen, jedoch liegen nach meteorologischen Berechnungen zu dieser Zeit die Temperaturen auf dem Gipfel des Berges bei – 30°C. Der Gipfel ist (Luftlinie) etwa 15 km von meinem Gelände entfernt. ---------- Wetterbeobachtung aus meinem Tagebuch: 05.01.2002 10:00 Uhr - 3°C, 0/8 Bewölkung, einige Marginatas liegen in der Sonne. 12:00 Uhr - 2°C, 7/8 Bewölkung, 4 Bft. aus NNW. 20:00 Uhr - 9°C Der eisige Wind, der über die Gipfel des Olymps fegt, lässt die Natur erstarren. ---------- 06.01.2002 10:00 Uhr - 2°C, 7/8 Bewölkung 12:00 Uhr - 2°C, 7/8 Bewölkung 20:00 Uhr - 12°C Am nächsten Morgen finde ich, nur von ein paar dürren Zweigen bedeckt, drei Marginatas am Boden festgefroren. Die Tiere sind von einer dünnen Eisschicht überzogen. Sämtliche Gliedmassen sind steinhart. Bei allen drei Tieren handelt es sich um Pfleglinge, die zum Teil schon seit zwei Jahren behandelt werden. (Für Insider: Glatze 1 & 2 und Vasili.) Ich glaube, dass sich jeder von euch meine Stimmung vorstellen kann. „Du hättest fotografieren müssen“ – höre ich nun von vielen Fachleuten. Nun; im Nachhinein ärgere ich mich schon ein wenig, dass ich keine Fotos gemacht habe. Jedoch habe ich schon so viele tote Schildkröten gesehen, einige auch töten müssen – für mich waren die Tiere tot. Trotz dieses Wissens suchte ich alte Decken und Pullover zusammen, um die Tiere abzudecken. ---------- Bis zum 08.01.2002 bleibt mir diese Wetterlage erhalten. Die Nachttemperaturen liegen jedoch nur noch bei – 2°C. Auch tagsüber steigt das Thermometer nicht über den Gefrierpunkt. ---------- Bis zum 12.01.2002 liegen die Tagestemperaturen um den Gefrierpunkt. Nachts fällt das Thermometer auf – 3°C. Die nächsten Tage sind verregnet mit Temperaturen um 8°C, jedoch herrscht noch immer Nachtfrost. Damit es nicht langweilig wird, hier ein Auszug aus meinem Tagebuch: ---------- 18.01.2002 10:00 Uhr, plus 6°C, 8/8 Bewölkung, Nachmittag plus 8°C, nachts plus 5°C, Schneegrenze bei 500m. ---------- 19.01.2002 10:00 Uhr, plus 6°C, 8/8 Bewölkung, Nachmittag plus 8°C, Nord 3 bft. Nachts plus 5°C. Die drei „Tiefgefrorenen Marginatas“ sind unter den Decken und Pullovern hervorgekrochen! ---------- 28.01.2002 10:00 Uhr, plus 11°C, 1/8 Bewölkung, Nachmittag plus 17°C, nachts plus 6°C. Die ersten Paarungsversuche bei den Marginatas! ---------- Aus medizinischer Sicht sind meine Beobachtungen nicht haltbar, da Wechselwarme Tiere ihre Körpertemperatur nicht erhöhen können - die Blutkörperchen müssten bei solch starkem Frost platzen. Dieser Fall bestätigt jedoch meine langjährigen Feldbeobachtungen: Schildkröten halten keine zusammenhängende Winterruhe. Selbst in Nordgriechenland treffe ich regelmäßig bis Ende Dezember Thb und Tm in der Sonne liegend an. Je nach Wetterlage sind Mitte Januar die Tm auf der Peloponnes schon unterwegs. „Sonnenschein mit Zähnen“ nennen die Griechen dieses Wetter - T-Shirt in der Sonne und Mantel im Schatten. Erkältungen beim Menschen sind vorprogrammiert. Aber wie schaffen es die Schildkröten? Wo die Tiere sich eben noch bei 20°C sonnten, fällt das Thermometer plötzlich um etwa 17°, wenn die Sonne hinter dem Berg verschwindet – zu kalt, zu steif, zu unbeweglich, um sich für die Nacht frostsicher einzugraben. Müssen Schildkrötenhalter die Überwinterungsmethoden überdenken? Bernd Pitzer
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