SIGS-Merkblatt Nr. 3
Aufzucht von europäischen und aus dem Mittelmeerraum stammenden Landschildkröten
Mit dem erfolgreichen Ausbrüten von Eiern übernehmen wir eine grosse Verantwortung: Die Schlüpflinge haben Anspruch, artgerecht aufzuwachsen und trotz Geburt in der Gefangenschaft sind sie durchwegs Wildtiere, die sich in keiner Art und Weise an unser Klima angepasst haben. Sie kennen in diesem Sinne keine Gewöhnung und haben alle Ansprüche, die sie auch in der Natur haben. Ziel ist, diese Tiere zu gesunden, gut gewachsenen, geschlechtsreifen Tieren heranzuziehen.  


Grundsätzliches 
Es ist einfacher, eine Gruppe von mehreren Schildkröten zusammen zu halten und aufzuziehen. Die Tiere fressen besser (Futterneid) und sind aktiver.  
Ein auswaschbarer Behälter (z. B. Kaninchenschublade, je nach Anzahl der Tiere, reicht vorerst als Aufzuchtterrarium. Als Substrat eignen sich eine Sand-Erdemischung, Rindenkompost oder Rindenhumus von mindestens 10 cm Tiefe. Das Substrat muss feucht gehalten werden, die unterste Schicht soll stets leicht nass sein.  
In geeignetem Substrat graben sich die Tiere gerne zum Schlafen ein. Das feuchtgehaltene Substrat schützt sie vor zu grosser Hitze. Die Oberfläche des Substrates kann trocken bleiben, so können die trockenen Kotballen leicht entfernt werden. Unvermischter Sand muss vermieden werden, da er mit dem Futter aufgenommen zu einem Darmverschluss führen kann. Torfmull anderseits ist zu feinfaserig und kann die Atmung behindern.  
Zu trockene Umgebung kann zu Augenentzündungen führen.  
Ist das Terrarium schlecht belüftet, kommt es zu Schimmelbildung.  
An sonnigen, warmen Tagen kann der Aufzuchtbehälter im Freien aufgestellt werden. Die Tiere nehmen gerne ein Sonnenbad und es kann auf den nicht unproblematischen Einsatz von künstlichen UV- Lichtquellen verzichtet werden. Ein Schattenplatz muss von den Schildkröten jederzeit aufgesucht werden können.  
Schützen Sie Ihre Pfleglinge im Freien mit einem Abdeckgitter vor Feinden wie Hunde, Katzen, Krähen usw.  
Trockene Nächte mit Temperaturen von über 15° C können schadlos im Freien verbracht werden, wenn tagsüber die Gewähr gegeben ist, dass sich die Tiere an der Sonne in genügendem Masse aufwärmen können.  
An kühleren Tagen wird der Behälter an einem besonnten Fenster aufgestellt. Eine minimale Umgebungstemperatur von 18 C genügt als Raumgrundwärme. Eine Spotlampe, die an einer Ecke des Terrariums angebracht wird, darf lokal 30 bis 35 C Wärme erzeugen. Eine Zusatzheizung mittels Wärmeplatte ist für diese Art Terrarien nicht geeignet, da sie unter anderem zu einem schnellen Austrocknen führt.  


Nahrung  
Das Futter muss im Hinblick auf die Vitaminversorgung täglich frisch angeboten werden. Auch die Jungtiere, die in Gefangenschaft geboren wurden, sind Pflanzenfresser.  
 
Das Hauptangebot soll aus Kräutern aller Art, aus Löwenzahn, Feldsalat (Nüsslisalat) und Heu (ev. fein geschnitten) bestehen. 
Gänseblümchen, Hahnenfuss, Winde, Distelblüten usw. gelten als Leckerbissen.
 

Auf Fleisch (Hackfleisch, Hunde- oder Katzenfutter, Leber, Herz usw.) ist zu verzichten, auch wenn dieses Futter gerne verschlungen wird.  
Kohlenhydrate in Form von Müsli, Teigwaren usw. sollten vermieden werden.  
Sepiaschalen werden gerne bearbeitet und stärken den Kiefer und gewähren eine gute Abnutzung der Hornscheiden von Ober- und Unterkiefer.  
Das im Zoofachhandel angebotene Trockenfutter eignet sich nicht zur Aufzucht von Landschildkröten. Der grosse Eiweissgehalt führt zu einem qualitativ schlechten Wachstum und kann die Nierenfunktion ernsthaft beeinträchtigen.  

Gemüse und Obst aller Art gehören nicht auf den Speisezettel. Tomaten werden zwar gerne verschlungen, sind aber zu vermeiden, da sie, wie auch zum Beispiel Bananen, eine Phosphordominanz aufweisen, welche sekundär zu einem Kalziummangel der Tiere führen kann.  
Heu ist immer anzubieten. Es dient als Verdauungsregulator und weist auch einen guten Anteil von Vitamin D auf. 
Wenn Sie sich an die obengenannten Grundsätze halten, können Sie ruhig auf den Einsatz von Vitaminpräparaten und Kalziumpräparaten verzichten.  
In der Natur kommt es höchstens zu einer Verdoppelung des Geburtsgewichtes in 2 Jahren. In der Gefangenschaft ist immer mit einem zu schnellen Wachstum zu rechnen. Weniger ist also mehr. Sie können problemlos 1 bis 2 Fastentage pro Woche einschalten und im Sommer auch eine Trockenperiode nachahmen, in der Sie den Tieren ausschliesslich Heu anbieten. Zur besseren Aufnahme kann das Heu mit einer Schere zerkleinert werden.  


Flüssigkeit  
Jede Schildkröte braucht Wasser. Es gewährt eine ausgewogene Stoffwechseltätigkeit und ist ein wichtiges Medium für die Harnausscheidung.  
Bieten Sie täglich frisches Wasser an. Beachten Sie, dass viele Schildkröten nur badend Wasser trinken. Viele Schildkröten setzen Kot bevorzugt im Wasser ab. Sorgen Sie daher für einen regen Wasserwechsel.  


Ausscheidungen  
Der Kot unserer kleinen Schildkröten soll fest, wurstförmig und sehr dunkel sein.  
Der Harn ist zweiphasig: einerseits wird wässeriger bis schleimiger, durchsichtiger Harn abgesetzt, andererseits wird die wasserunlösliche Harnsäure als weisser, sämiger Brei abgegeben.  


Winterschlaf  
(siehe auch SIGS - lnformationsblatt Nr.4 Winterschlaf)  
Trotz immer wieder anders lautenden Ratschlägen ist es sinnvoll, die Tiere gemäss ihrem natürlichen Jahresrhythmus bereits im ersten Winter in den Winterschlaf zu versetzen.  
Dieser soll 2 bis 4 Monate dauern und muss bei Temperaturen von 4 bis 8° C erfolgen.  
Es kann sein, dass einige Jungtiere diesen ersten Winterschlaf nicht überleben. Dies entspricht einer natürlichen Auslese.  
Kümmerlinge oder schwache Tiere würden auch ohne Winterschlaf über kurz oder lang eingehen. Bedenken Sie, dass nur schon durch unser wohlbehütetes Ausbrüten, Tiere schlüpfen, die in der Natur gar nie an die Erdoberfläche gelangt wären.  
Die Beleuchtung wird ab Oktober zeitlich reduziert. Während der ersten 14 Tage einer vierwöchigen Vorbereitungsphase wird die Fütterung reduziert und danach ganz eingestellt.  
Durch wiederholtes Baden wird die Darmentleerung provoziert. Die Tiere sollen mit entleertem Darmtrakt in den Winterschlaf gebracht werden.  
Während der folgenden Tage wird die Temperatur kontinuierlich gesenkt, damit sich der Körper umstellen kann.  
Der Winterschlaf kann im gleichen Behälter erfolgen. Das Substrat wird erneuert. Es eignet sich wiederum ein gut angefeuchtetes Erde-Laubgemisch oder Rindenkompost. Genügend Feuchtigkeit verhindert das Austrocknen der Tiere.  
Der Behälter muss mäuse- und zugluftsicher, aber nicht luftdicht zugedeckt werden. Kontrollieren Sie regelmässig Temperatur und Feuchtigkeit.  
Wenn im März die Temperaturen frühlingshaft ansteigen, können die Tiere wieder aus dem Winterquartier hervorgeholt werden. Die Umgebungstemperatur soll während den nächsten Tagen langsam erhöht werden.  
Ein Bad dient dem Ausgleich des Wasser-haushaltes. Beleuchtung und Fütterung können wieder einsetzen.  


Hygiene  
Vor und nach jedem Kontakt mit den Tieren sollen die Hände mit normaler Seife gewaschen werden.  
Futtergeschirre, Trink- und Badegefässe sollen täglich mit heissem Wasser gewaschen und vor der Wiederverwendung getrocknet werden.  


SIGS - Informationsblatt Nr. 3 März 1995 H.Herrsche  
Schildkröten - Interessengemeinschaft (SIGS),  
Internet: www.sigs.ch
 
zurück zum Inhaltsverzeichnis